Kick it! - Internationales Frauenfußballcamp (ein Projekt des eurient e.V. Leipzig)

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Kick it! 08

Kick it! - Internationales Frauenfußballcamp 2008

Kick it! '08 (Tag 9)
Kick it! '08 (Tag 9)

Im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 2006, die in Deutschland ausgetragen wurde, entwarf der eurient e.V. erstmalig das Projekt „Kick it!“, mit dem Gedanken, fußballbegeisterte Frauen aus Ländern Europas und der Mittelmeerregion zusammenzubringen und um vor dem Hintergrund aktueller Diskurse über den Islam und „Gender“ einen „Dialog der Kulturen“ zu ermöglichen – denn: „Kick it! Frauen spielen nicht im Abseits!“

In diesem Jahr war es nun endlich soweit: Vom 4. bis 16. August 2008 trafen sich 30 junge Frauen aus Algerien, Jordanien, der Türkei, Serbien, Norwegen und Deutschland zu einem Fußballcamp in Leipzig, der Gründungsstadt des Deutschen Fußballbundes und Austragungsort der Fußball-WM 2006. In Zusammenarbeit mit dem LFC 07, der Faninitiative „Bunte Kurve“ und dem iaf e.V. Leipzig hatte der eurient e.V. ein ambitioniertes Programm auf die Beine gestellt.

Was den sportlichen Aspekt des Projekts betrifft, bot sich der LFC 07 als sächsischer Förderstützpunkt für Frauenfußball ideal an. Der LFC 07 stellte nicht nur die nötigen Fußballfelder samt Sportgeräten zur Verfügung, sondern übernahm auch die sportfachliche Leitung des Trainings. Die Trainingseinheiten fanden täglich statt und waren darauf ausgerichtet, einerseits die Gruppendynamik durch gegenseitiges Kennenlernen zu forcieren und andererseits den TrainerInnen die Möglichkeit zu geben, sich untereinander auszutauschen. Zu diesem Zweck wurden die Trainingspläne von den mitgereisten Trainern unter der Anleitung des LFC 07 koordiniert, so dass für alle die optimale Möglichkeit bestand, andere Trainingsmethoden und Techniken kennen zulernen. Dabei gelang es überraschend gut die Sprachbarrieren zu überwinden und die Trainingsinhalte gemeinsam zu meistern. Abgerundet wurde diese für alle Teilnehmerinnen neue Erfahrung mit einem Abschlussturnier, zu dem vier gemischte Teams gebildet wurden. Zusätzlich waren vier lokale Frauenteams eingeladen um den Teilnehmerinnen einen Einblick in den Leipziger Frauenfußball zu geben und diesen an dem Projekt teilhaben zu lassen. Die finale Siegerehrung wurde vom Leipziger Sportbürgermeister Heiko Rosenthal vorgenommen, welcher daneben auch als Schirmherr des Projekts fungierte.

Zusätzlich gab es interkulturelle Trainingseinheiten, die vom eurient in Zusammenarbeit mit dem iaf, Verband binationaler Ehen und Partnerschaften, durchgeführt wurden. Hierbei kamen u. a. Übungen zu Wahrnehmung zum Einsatz, in deren Verlauf die Teilnehmerinnen lernten, eigene Eindrücke und Überzeugung zu hinterfragen. Ziel dessen war es, die Teilnehmerinnen zu sensibilisieren für Alltägliches und Fremdes, sie anzuregen, darüber nachzudenken, was dahinter steht, wodurch eine Sache bekannt und eine andere fremd erscheint und sie zu ermuntern, sich auf Unbekanntes einzulassen. Ein zweiter Schwerpunkt des interkulturellen Trainings war der Bereich Empowerment, der Strategien vermittelte, sich der eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden, sich durchzusetzen und Konflikte zu meistern.

Diese beiden Trainingsarten wurden begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm, das öffentliche Podiumsdiskussionen zum Thema „Frauenfußball weltweit“ und Filmvorführungen „Football Under Cover“, sowie einen interkulturellen Abend umfasste, aber auch Raum für gemeinsame Ausflüge – z. B. nach Dresden oder in das Leipziger Nachtleben – und individuelle Stadtbummel bot.

Kick it! '08 (Tag 2)
Kick it! '08 (Tag 2)

Eingeladen waren junge Fußballerinnen zwischen 18 und 25 Jahren, die in ihren jeweiligen Ländern regelmäßig trainieren und sowohl für die Stärkung des Frauenfußballs eintreten als auch sich für interkulturelle Belange interessieren. Auf Grundlage des gemeinsamen Interesses – Fußball – sollten sie die Möglichkeit bekommen, sich anzunähern und auszutauschen. Sport ist hierfür als Katalysator bestens geeignet, denn beim gemeinsamen Spiel ist es nötig, schnell aufeinander zuzugehen, sich trotz Sprachschwierigkeiten zu verständigen und Vertrauen aufzubauen. Auf dem Feld funktionierte dies hervorragend, wie sich nicht zuletzt bei den verschiedenen Spielen beobachten ließ. Abseits des Platzes war es dagegen schon schwieriger, die kulturellen Differenzen griffen stärker als gedacht und es konnte beobachtet werden, dass aufgrund der kulturellen Unterschiede Ängste bestanden, auch außerhalb des Fußballplatzes aufeinander zuzugehen. Diese anfänglich starke Scheu konnte im Verlauf des Projekts Stück für Stück abgebaut werden, so dass am Ende bei der durchgeführten Abschlussevaluation und dem finalen Turnier ein kollektiver Geist vorherrschte und wir ein positives Feedback von den Teilnehmerinnen erhielten.

Die mitgereisten TrainerInnen – jeweils eine Person pro Land – waren vorab für die Koordinierung des Projekts in ihren Heimatländern zuständig und vor Ort in Leipzig für die Durchführung des sportlichen Trainings, zusammen mit dem LFC 07. Ihre Vernetzung untereinander und mit dem eurient e.V. bietet zum einen eine gute Grundlage für die Weiterführung des Projekts im kommenden Jahr und zum anderen eine solide Basis für die Stärkung des Frauenfußballs in den beteiligten Ländern. So tauschten sie sich über unterschiedliche Trainingsmethoden und Organisationsstile aus und bekundeten großes Interesse daran, zukünftig in verschiedenen Bereichen zu kooperieren.

Die Ziele des Projekts sind wie folgt zu beschreiben:

Austausch und Weiterbildung

Frauen im Fußball sind keine alltägliche Erscheinung, weder hierzulande noch in arabischen Ländern. Jede einzelne der Teilnehmerinnen spielte für ihr Leben gern Fußball, die meisten taten dies auf einem sehr hohen Niveau (aus Jordanien und Algerien waren teilweise Nationalspielerinnen angereist, aus Norwegen und Deutschland kamen Spielerinnen, die gute Chancen haben, bald in die Nationalteams ihrer Länder aufgenommen zu werden). Allen war jedoch ebenfalls gemeinsam, dass sie wohl kaum vom Fußball werden leben können, sondern nebenher arbeiten müssen, im Gegensatz zu männlichen Spielern. Auch kennen alle die Bemerkungen über Mannweiber und unfeminine Sportarten.
An dieser Stelle wurde nun mit dem Projekt „Kick it!“ angesetzt. In einem lockeren und freundschaftlichen Rahmen hatten die jungen Frauen die Möglichkeit, sich über genau diese Gemeinsamkeiten auszutauschen und darüber hinaus auf die Unterschiede zwischen ihren Kulturen, aber auch zwischen den einzelnen Personen zu sprechen kommen. Wie bereits oben erwähnt, werden diese Unterschiede sehr bewusst wahrgenommen und bieten Anlass zu Missverständnissen und Distanz. Gleichzeitig bieten sie Potential zu Austausch und somit auch zu einer möglichen Verständigung. So erzählte eine der deutschen Teilnehmerinnen in einem Interview mit einem Regionalsender, dass sie sich zu Anfang selbstverständlich über die Kopftücher einiger arabischer Spielerinnen lustig gemacht habe. Seit sie jedoch mit den Trägerinnen über deren Gründe für das Kopftuch gesprochen habe, sei es für sie in Ordnung und sie würde es mittlerweile kaum noch sehen.

Vernetzung

Die Tatsache, dass Frauenfußball noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen hat und noch längst nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit angekommen ist, zeigt sich darin, dass er in den Medien kaum vertreten ist und selbst Profifußballerinnen nicht von ihrem Sport leben können, sondern nebenher oftmals in anderen Berufen arbeiten gehen. Diese Benachteiligungen finden sich derzeit noch weltweit im Frauenfußball.

Um dem entgegenzuwirken, ist unter anderem eine stärkere Vernetzung der einzelnen Vereine und Clubs untereinander notwendig, um Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Strategien zu planen und diese durchzusetzen. Auch haben es Netzwerke leichter, die Aufmerksamkeit der Medien und damit der Öffentlichkeit zu erlangen. Zu guter Letzt fällt es gemeinsam leichter, große Projekte zu stemmen, sei es auf personeller oder auf finanzieller Ebene.

Der eurient e.V. sieht sich hierbei als Mittler, der die unterschiedlichen Parteien zusammenbringt und die gemeinsame Arbeit durch seine Kenntnisse im Kulturdialog erleichtert.

Kick it! '08 (Tag 12)
Kick it! '08 (Tag 12)

Stärkung

Frauen im Sport, noch dazu in einer traditionell männlich belegten Sportart wie dem Fußball, sind überall Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt, insbesondere aber Frauen in arabisch-muslimischen Ländern. Schon in Norwegen und Deutschland stößt eine junge Frau nicht immer auf große Begeisterung im Familien- und Freundeskreis, wenn sie sagt, sie möchte Profifußballerin werden. Frauen in den noch stärker von Traditionen geprägten Ländern des südlichen und östlichen Mittelmeerraums haben es insbesondere im Fußball schwer, da dies ein sehr körperbetonter Sport ist, der Angriff und Aggressivität verlangt, Eigenschaften, die Frauen eher abgesprochen werden. Kulturelle und traditionelle Ideologien und Vorstellungen verbieten oder erschweren es, sich aus gewohnten Mustern zu entfernen.

Indem sie sehen, dass es überall andere Frauen gibt wie sie, die mit ähnlichen bis gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und sich dennoch durchsetzen, werden die einzelnen Teilnehmerinnen persönlich gestärkt, ihren Weg weiterhin beharrlich zu gehen. Darüber hinaus nehmen sie ihre Kenntnisse und Erfahrungen zurück in ihre Vereine und fungieren somit als Multiplikatorinnen für die Stärkung von Frauen und Frauensport in ihren jeweiligen Ländern.

Nachhaltigkeit:

Durch die erreichte Vernetzung trägt das Projekt vor Ort, aber auch in den beteiligten Partnerländern zu einer Stärkung des Frauensports und zu wachsendem Interesse in der Öffentlichkeit bei. Eine Neuauflage des Projekts im kommenden Jahr ist geplant und bereits in Arbeit.

Medienecho:

Eine eigens beauftragte Person war seit Frühjahr 2008 damit beschäftigt, das Projekt in den Medien lokal aber auch national und international bekannt zu machen. Das folgende Medienecho überraschte uns selbst, da es für einen relativ kleinen Verein wie den eurient ungewöhnlich stark war.

Über das Projekt „Kick it!“ wurde hauptsächlich regional in zahlreichen Medien berichtet, darunter die Printmedien LVZ, Kreuzer und Hallo Leipzig, die Online-Magazine Leipzig-Seiten.de und Lizzy-Online, im Radio auf mephisto 97.6 und bei mdr info, sowie in Beiträgen bei mdr „Nah dran“ und mdr „Hier ab Vier“.

Aber auch überregionale und internationale Medien berichteten über „Kick it!“, so gab es Artikel in norwegischen Tageszeitungen, auf der Seite www.amballbleiben.org, der Seite für „Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung“ der Deutschen Sportjugend, sowie auf www.womensoccer.de. Vergangene Woche erschien auf ZEIT-online ein Artikel über die jordanische Nationalspielerin Ruba Adawi, eine der Teilnehmerinnen bei „Kick it!“. Radiobeiträge erschienen bei Deutsche Welle Radio und im algerischen Radio, Fernsehberichte brachten der arabische Kanal von Deutsche Welle TV und der norwegische Sender TV Adressa.

Das gesamte Projekt wurde über die gesamte Zeit sowohl fotografisch als auch von einem eigenen Filmteam begleitet. Ein Kurzfilm soll planmäßig im November fertiggestellt werden.

Der Verein:

Der eurient e. V. wurde 2004 von AbsolventInnen des Orientalischen Instituts der Universität Leipzig gegründet und hat sich die Förderung des euromediterranen Dialogs zur Aufgabe gemacht. Fernab gängiger Klischees und Fernsehbilder werden Ansichten des Anderen geboten, die dazu anregen sollen, nachzudenken und eigene Einstellungen zu hinterfragen. Dies wird in kleineren Projekten umgesetzt, wie der Filmreihe „Musalsal“ oder der jährlichen Arabischen Filmwoche, Lesungen und Podiumsdiskussionen zu Themen wie „Antisemitismus in der arabischen Welt“ oder Ausstellungen wie der gerade laufenden „Roadmap Palestine“. Der Verein veranstaltet aber auch umfangreichere und langfristigere Projekte wie „Hiwar Fanni“, eine Hochschulkooperation in Zusammenarbeit mit dem DAAD, das Kunstprojekt „Dialogue Tools“ oder gerade „Kick it!“, das zum großen Teil von der EU – „Youth In Action“ gefördert wird. Alle Projekte werden von ehrenamtlicher Arbeit getragen.

Fotos: Annegret Renner
 


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